Sexual- und Paartherapeutin im Interview

Sehrt: „Für Frauen beginnt die Entdeckung der eigenen Sexualität mit Mitte 30“

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Diplompsychologin und Sexual- und Paartherapeutin Nele Sehrt berät in „Liebe leicht gemacht“ (ab 24. Juli, jeweils sonntags, 17.45 Uhr, SAT.1) Paare, die nicht mehr weiter wissen.

Diplompsychologin Nele Sehrt (39) im Interview über Liebe, Sex und die Gründe, warum die Emanzipation der Frau beim Mann zu Erektionsstörungen führen kann. Sie ist Diplompsychologin sowie Sexual- und Paartherapeutin: Als solche steht Sehrt verzweifelten Seelen in der neuen SAT.1-Show „Liebe leicht gemacht“ mit Rat und Tat zur Seite.

Gemeinsam mit Fitnesstrainer Karsten Schellenberg, Moderatorin Karen Heinrichs und Ernährungsexperte Achim Sam bietet sie Paaren Hilfe zur Selbsthilfe. Das Ganze wird aufgezogen als Beziehungsexperiment: Die drei Coaches nehmen übergewichtige Paare unter ihre Fittiche, die mit ihrer Beziehung und vor allem auch mit ihrer Figur unzufrieden sind. Für vier Monate werden die jeweiligen Partner getrennt: Jeder soll sich in dieser Zeit mit seinen eigenen Bedürfnissen auseinandersetzen und erhält einen individuellen Fitness- und Ernährungsplan. Nach der temporären Trennung entscheidet sich, ob die Beziehung fortbesteht. 

nordbuzz: Die neue Sendung bei SAT.1 heißt „Liebe leicht gemacht“: Dabei ist doch nichts schwieriger und komplizierter als die Liebe ...

Nele Sehrt: Das stimmt, wobei Verliebtsein meist ganz leicht geht. Die Liebe zu halten, ist dagegen das eigentlich Schwierige.

nordbuzz: In der Sendung geht es vor allem darum, nach jahrelanger Beziehung frischen Wind in die Partnerschaft zu bringen.

Sehrt: Genau, aber auch sich leichter zu machen von den ganzen Altlasten und einen neuen Weg zu sich selbst und dem Partner zu finden. Und es geht natürlich auch darum, etwas Gewicht zu verlieren.

nordbuzz: Der Prozess des Abnehmens erinnert an „The Biggest Loser“ ...

Sehrt: Wenn man sich nur auf das Abnehmen fokussiert, sicherlich. Mich hat die Expertenkombination aus Fitness, Ernährung und Psychologie gereizt. Es gibt immer einen Grund, warum die Menschen so zugenommen haben. Diese Dynamik zu entdecken, ist total spannend, weil man dadurch sich selbst auch besser kennenlernt - auch wenn das erst mal unangenehm sein kann. Für mich ist es großartig, dass ich bei „Liebe leicht gemacht“ auf psychologischer Ebene mit den Menschen arbeiten kann.

nordbuzz: Warum sollte jetzt jemand fremden Menschen dabei zusehen, wie diese versuchen, ihre Beziehungen zu kitten?

Sehrt: Der Zuschauer kann in der Sendung sehen, dass es häufig doch einen Weg gibt, auch wenn die Situation schier ausweglos erscheint. Auch wir Experten waren durchaus überrascht, wie sich das Leben der Paare bereits in dieser verhältnismäßig kurzen Zeit entwickelt hat. In „Liebe leicht gemacht“ werden Probleme angesprochen, die jeder von uns kennt: Von bestimmten Krankheiten bis zu gewissen Sorgen in einer Partnerschaft ist alles mit dabei.

nordbuzz: Wann hat eine Beziehung in Ihren Augen keinen Sinn mehr?

Sehrt: Das ist niemals meine Entscheidung, das entscheidet das Paar - oder einer der beiden. Wie sagt man so schön: Für eine Beziehung braucht es immer zwei, für eine Trennung reicht einer. Grundsätzlich ist für mich Trennung immer eine Option, denn lieber glücklich getrennt, als unglücklich zusammenbleiben. Aber ich bin auch ganz klar der Meinung, dass die meisten Dinge, die einen in einer Partnerschaft stören, mit dem nächsten Partner wiederkommen. Denn die Probleme in einer Partnerschaft haben immer auch mit einem selbst zu tun. Und wenn man jetzt sowieso schon einen Partner hat, dann kann man doch auch mit dem daran arbeiten, statt davonzulaufen. Die Liebe ist eben immer eine Herausforderung.

nordbuzz: Die Paare in der Show müssen sich vier Monate trennen. Inwiefern kann so eine temporäre Distanz einer Beziehung denn helfen?

Sehrt: Wenn zwei Menschen bereits länger zusammen sind und schon einige Krisen gemeinsam gemeistert haben, dann kann so eine begleitete Trennung durchaus sinnvoll sein. Gerade wenn man so in Sorge um den Partner ist, dass man sich gar nicht mehr wirklich um sich selbst kümmern kann, kann man so neue Kraft schöpfen.

nordbuzz: Wenn man eine gemeinsame Wohnung hat, kann man sich aber jetzt auch nicht einfach für vier Monate eine neue Bleibe suchen ...

Sehrt: Die Empfehlung der Sendung ist auch nicht, dies zu tun. Bei „Liebe leicht gemacht“ hatten die Partner ein Auffangnetz aus Experten, die sie durch diese sensible Phase begleitet haben. Hilfreich war für die Paare die Möglichkeit, Zeit für sich selbst zu haben um das Life-Coaching umzusetzen. Aber der Zuschauer denkt sich sicherlich hin und wieder: Stimmt, so läuft es bei uns auch manchmal ab, vielleicht sollten wir das auch einmal ausprobieren.

nordbuzz: Sie sind ausgebildete Diplom-Psychologin mit einer eigenen Praxis: Welche Schwerpunkte behandeln Sie?

Sehrt: Meine Spezialgebiete sind Psycho-, Paar- und Sexualtherapie. Ich finde menschliches Verhalten spannend, denn die Psyche folgt einer gewissen Regelmäßigkeit. Aber auch die Arbeit mit Paaren macht mir großen Spaß und ist sehr erfüllend. Aus sexueller Sicht geht es häufig erst einmal um das Verstehen der eigenen Sexualität. Und dann darum, zu den eigenen Empfindungen zu stehen. Ich mag die Tiefe und die Offenheit in der Therapie. Völlig unabhängig, ob es um Angst, Depression oder um die Bewältigung vermeintlicher Alltagsdinge geht. Meist war ein Verhalten, welches uns jetzt Probleme bereitet, zu einem früheren Zeitpunkt mal sinnvoll. Dies herauszufinden und den Weg der Loslösung zu begleiten, ist meine Aufgabe.

nordbuzz: Haben Sie einen Beziehungs- oder Sextipp, der immer hilft?

Sehrt: Auf der Paarebene hilft auf jeden Fall Humor und dass man neugierig auf den anderen, seine Sichtweise und seine Wünsche bleibt. Nicht werten, sondern zuhören. Klingt einfach, ist es aber nicht.

nordbuzz: Und wenn's im Bett trotzdem nicht so läuft: Kann man Sex lernen?

Sehrt: Absolut.

nordbuzz: Und wie?

Sehrt: Indem man achtsam mit sich umgeht. Bei dem Thema Sexualität kriegt man von außen immens viel Input mit. In den ganzen Liebesfilmen gibt es immer die eine große Liebe, und alle kommen natürlich beim ersten Mal gleichzeitig zum Orgasmus beziehungsweise überhaupt zum Orgasmus. Das ist durchaus irreführend. Deshalb enden auch meist Märchen mit der Hochzeit, und Dramen beginnen damit. Es ist eher außergewöhnlich, wenn ein Paar auch nach Jahren noch eine erfüllte und leidenschaftliche Sexualität lebt. Sexualität verändert sich im Laufe einer Beziehung. Das bedeutet nicht, dass sie schlechter wird, vielmehr kann sie tiefer und intensiver werden und bekommt dadurch eine ganz neue Qualität. Wichtig ist, sich selbst zu fragen: Mensch, wie mag ich es eigentlich gerne?

nordbuzz: Und dann? Soll man möglichst viel ausprobieren?

Sehrt: Ja auch, aber eben nicht nach dem Motto: Oh Gott, jetzt muss ich das testen, und jetzt gibt's den neuen Dildo, und jetzt mach ich da noch mal ein Rollenspiel. Das Ausprobieren auf der kleinsten Ebene ist viel erfolgversprechender, denn jeder muss sich erst einmal selbst überlegen: Was erregt mich eigentlich? Wie kann ich meine Erregung steigern? Was hilft mir so gar nicht? Manche Menschen mögen mechanische Bewegungen, andere brauchen mehr Druck, wieder andere brauchen größere Bewegungen für ein erfülltes Lustgefühl. Deshalb ist es sehr hilfreich, vorab allgemeine Kenntnisse von der männlichen und weiblichen Sexualität zu haben. Es wird zwar viel über Sex gesprochen, aber leider meistens nicht über das Wesentliche.

nordbuzz: Kommen eigentlich mehr Frauen oder mehr Männer zu Ihnen, um Rat zu suchen?

Sehrt: Am häufigsten kommen Männer, dann Frauen, dann Paare. Aber die Gruppen liegen sehr dicht beieinander. Statistisch gesehen macht das keinen großen Unterschied.

nordbuzz: Dabei heißt es doch immer, Männer fragen nicht nach Hilfe ...

Sehrt: Wenn ich einen gewissen Leidensdruck habe, suche ich Hilfe - ob Mann oder Frau. Viele Männer haben beispielsweise ab einem gewissen Alter Probleme mit ihrer Erektion. Für Frauen dagegen beginnt die Entdeckung der eigenen Sexualität meist erst mit Mitte 30.

nordbuzz: Wie viele Männer leiden denn an Erektionsstörungen?

Sehrt: Die offiziellen Zahlen habe ich nicht im Kopf, aber ich gehe davon aus, dass die Erektionsstörungen durch die Emanzipationsbewegung mehr geworden sind.

nordbuzz: Warum das denn?

Sehrt: Weil Frauen offensiver mit ihrer Sexualität umgehen, aber dennoch häufig den Mann für die eigene Lust verantwortlich machen. Frei nach dem Motto: Geh mal in den Wald und bring mir einen Baum mit. Und der Mann ist natürlich total überfordert, welchen der vielen Bäume die Frau haben möchte. Jeder Mensch ist selbst verantwortlich für die eigene Lust und den eigenen Orgasmus. Und wenn ich mit dem Kopf bei meinem Partner bin, kann ich nicht bei mir sein. Sexualität braucht einen gewissen gesunden Egoismus.

nordbuzz: Und wie ist es mit den Orgasmusstörungen bei der Frau?

Sehrt: Auch das ist spannend, weil es in den meisten Fällen keine richtige Orgasmusstörung ist, denn häufig kommt man alleine ganz prima zum Orgasmus - nur mit dem Partner will es nicht so richtig klappen. Und genau das ist das Spannende an meiner Arbeit als Sexualtherapeutin.

nordbuzz: Was wäre in Zukunft wichtig für ein sexoffenes Deutschland?

Sehrt: Es wäre wünschenswert, dass das Thema Sexualkunde in der Schule intensiver besprochen wird. Die Jugendlichen sollten bereits früh lernen, mehr auf sich zu hören und weniger dem hinterherzulaufen, was draußen in der Welt als normal gilt. Und es ist wichtig zu verstehen, wie die weibliche und männliche Sexualität funktionieren - und vor allem, in welchen Punkten sie sich unterscheiden.

nordbuzz: Mit wie vielen verschiedenen Partnern hatten Sie als „Sexpertin“ denn bereits Geschlechtsverkehr?

Sehrt: Das ist eine spannende Frage, ne (lacht)? Meist denken die Menschen, dass man umso erfahrener ist, je mehr Sexualpartner man hatte. Aber ist es nicht herausfordernder, eine variationsreiche und erfüllte Sexualität über Jahre oder Jahrzehnte mit ein und demselben Partner zu gestalten, statt sich regelmäßig mit verschiedenen Menschen selbst zu befriedigen?

tsch

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