Studentenjob im Erotik-Shop - ein Interview

„Die würden auch den Besen fragen, ob er zuguckt"

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Von außen recht schmucklos, aber informativ: das Pornöchen in Oldenburg.

Das Bahnhofsviertel in Oldenburg - an der Kaiserstraße fluoresziert auf einem blauen Schild der Name „Pornöchen“, umrankt von einer schmucken LED-Lichterkette. Viele Menschen bleiben hier stehen und machen Fotos, offenbar amüsiert sie die Verniedlichung des Wortes Porno. Das „Pornöchen“ ist ein Sex-Shop mit integriertem Sex-Kino und mehr. Doch was geht hinter den Kulissen ab? Im nordbuzz-Interview spricht eine Mitarbeiterin über ihren Alltag.

Das „Pornöchen“ existiert seit 2012, vorher gab es an gleicher Stelle das „Intimchen“. Ein Verkaufsraum, vier voneinander abgetrennten Intimbereiche, ein Darkroom mit Gloryhole: Von außen lässt nichts auf das Angebot schließen. Doch wenn ein schwerer, schwarzer Vorhang beiseitegeschoben wird, fällt der Blick gleich auf verschiedenfarbige Liebes-Spielzeuge und DVDs. Links vom Eingang befindet sich ein Counter. Darüber sind mehrere Bildschirme angebracht, die den Kunden einen Eindruck über das tägliche Filmangebot geben sollen. Unter den Monitoren schaut freundlich eine Mitarbeiterin hervor. Sie heißt Julia (Name von der Redaktion geändert) und arbeitet hier zweimal pro Woche in der Frühschicht. Von 10 bis 16 Uhr berät sie Kunden, verkauft Sexspielzeug und Tageskarten für die Kinos. Seit November 2013 ist sie im Team, hat als studentische Hilfskraft angefangen und war damit die erste Studentin im Verkaufsteam des „Pornöchens“. Die 27-Jährige wollte sich neben ihrem Masterstudium in Erziehungswissenschaften etwas dazuverdienen und spricht ganz offen über ihren Job.

nordbuzz: Erziehungswissenschaften und Sex-Shop – wie passt das zusammen?

Julia: Das war zunächst eine fixe Idee. Ich hab meistens nebenbei gearbeitet, und das in pädagogischen Jobs. Ich bin auch sehr gerne Pädagogin, aber ich dachte dann, okay, jetzt beendest du bald dein Studium und du wirst dein ganzes Leben pädagogisch arbeiten. Da kannst du ja noch mal was anderes machen. Außerdem war das Master-Studium auch sehr schwer, und ich wollte irgendwo arbeiten, wo ich mein Hirn nicht so krass benutzen muss (grinst).

nordbuzz: Das „Pornöchen“ ist auch eine Art Kommunikationsbörse. Im geselligen Kreis werden Pornos geguckt – wer was mit wem macht, bleibt den Besuchern selbst überlassen. Allerdings ist dieser Intimbereich des Ladens nur durch einen Vorhang abgetrennt. Wie viel bekommst Du davon mit?

Julia: Das hängt ganz davon ab. Ich hatte mal ein Pärchen im Laden, das echt schon ein bisschen älter war. So sechzig. Denen habe ich das Kino gezeigt und sie meinten ganz begeistert: „Da können wir es ja machen.“ Als ich wieder im Verkaufsraum war, war ich zunächst ein bisschen irritiert, weil die echt laut waren. Aber dann habe ich mich gefreut, schließlich scheinen die Beiden noch so viel Spaß an ihrem Sexleben zu haben. Andererseits: Es war auch irgendwie befremdlich – gerade bin ich da noch mit denen durchgelaufen, und jetzt legen die so laut drauf los. So richtig laut.

nordbuzz: Ist das unangenehm für Dich oder bist Du ausreichend abgehärtet?

Julia: Ich bin schon relativ abgehärtet. Viel eher bin ich besorgt, wenn andere Kunden kommen, die nur in den Laden wollen, und dann wird es so laut. Natürlich ist es dann ein bisschen komisch.

nordbuzz: Als Mitarbeiterin vom „Pornöchen“ hast Du ja auch die Verantwortung für den intimen Kinobereich. Wie funktioniert das, wenn Du neben liebestollen Paaren Deinen Job machst? Haben die Kinobesucher Berührungsängste oder stört das niemanden?

Julia: Das ist für den einen oder anderen sicherlich ein bisschen doof und irritierend. Vor allem, wenn ich als Mädchen in den Kinobereich gehe und sich da gerade nur Männer treffen. Aber ich muss halt manchmal rein, gerade, wenn die Filme einfach zu laut sind. Einmal haben sich zwei Männer so richtig vor mir erschrocken, weil die voll bei der Sache waren. Ich bin dann ganz schnell wieder raus und meinte nur „Sorry“. Aber manchmal habe ich auch das Gefühl, dass ich da ganz gerne gesehen werde. Besonders, wenn Hetero-Filme laufen. Dann bin ich als Frau wohl ein bisschen willkommener. Aber das würde ich jetzt auch nicht pauschalisieren.

nordbuzz: Worin meinst Du, besteht der Reiz eines Sexkino-Besuchs?

Julia: In erster Linie darin, dass andere Menschen dabei sind. Es ist ja auch eine Kontaktbörse, um jemanden aufzureißen. Und ich glaube, für viele ist es einfach der Kick, etwas Intimes halböffentlich zu machen.

nordbuzz: Würdest Du sagen, dass Du durch den Job offener geworden bist; oder sagen wir mal: vorurteilsfreier?

Julia: (überlegt) Ja doch, schon. Wobei ich mich insgesamt als eher tolerante Person einschätze. Das ist eine Grundeinstellung, die hat man oder eben nicht. Ich glaube aber, dass man durch den Job ein bisschen abstumpft. Manchmal muss ich Kunden ausbremsen, da es für sie aufregend ist, offen über Dinge zu sprechen, die sie besonders gerne mögen. Besonders, wenn sie nicht einschätzen können, was vielleicht nicht mehr ganz so angebracht ist. Aber für die meisten ist das okay.

nordbuzz: Kommt es oft vor, dass Du als Sexobjekt gesehen wirst?

Julia: Das kann passieren. Aber ganz ehrlich: Ich glaube, dass es teilweise egal ist, wer am Counter sitzt. Ich sage immer: „Selbst, wenn da ein Besen sitzen würde, die würden auch den Besen fragen, ob er zuguckt.“ Manche denken: „Das ist eine Frau, die ist nett, die ist aufmerksam und dann will die bestimmt auch zugucken.“

nordbuzz: Das hört sich jetzt vielleicht komisch an, aber helfen Dir in solchen Situationen die Erziehungswissenschaften?

Julia: Ich habe im „Pornöchen“ zwar nicht aus einem pädagogischen Grund angefangen, aber es hilft mir wirklich. Und der Job hat auch das Thema meiner Masterarbeit extrem beeinflusst. Ich habe über Sexualerziehung geschrieben, allerdings speziell für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung.

nordbuzz: Was glaubst Du, wie der Job in Deinem Lebenslauf ankommt?

Julia: Komisch. Auf jeden Fall komisch. Ich habe gerade erst so eine Situation erlebt, nachdem ich mich exmatrikuliert hatte. Ich hatte mich beworben und beim Jobcenter gemeldet. Dort wurde das „Pornöchen“ als Nebentätigkeit einfach ausgetragen (lacht). Aber ich habe jetzt für mich selbst überlegt, dass ich das auf jeden Fall in meinen Lebenslauf reinschreibe. Ganz einfach, weil mich der Job für so eine lange Zeit begleitet hat. Ich schäme mich nicht dafür, ich finde, das ist ein cooler Job. Neulich wurde ich in einem Bewerbungsgespräch auf das „Pornöchen“ angesprochen. Die haben gesagt, dass sie echt irritiert waren, als sie es gelesen haben. Irritiert, aber irgendwie auch interessiert. Ich werde es auf jeden Fall weiterhin in meinem Lebenslauf stehen lassen. Außerdem: Ich würde ganz gerne in die Sexualberatung gehen – und da ist das dann eine echte Qualität. Schließlich habe ich kein Problem damit, Menschen sexuelle Dinge zu erklären und mir intime Sachen erzählen zu lassen.

Das Interview führte Sophie Labitzke.

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